Face your limits

Vor mehr als neun Jahren war ich in Neuseeland. Noch heute ist es die Zeit in meinem Leben, die mich am meisten geprägt und verändert hat. Heute möchte ich euch von der Bedeutung des Scheitern erzählen. Das Scheitern ist eines der Schlüsselmomente in Neuseeland, die mich verändert haben. Der Auslöser hierfür war Bungy Jumping und dies ist meine persönliche Geschichte.

Die Vorgeschichte

Zur Vorgeschichte möchte ich erwähnen, dass ich früher extreme Höhenangst hatte. Schon offene Treppen waren mir zu viel. Ich kann mich auch erinnern, wie ich als kleines Kind fleißig auf Windmühlen und Co. hoch bin, aber nie ohne große Probleme wieder herunter kam, den dann ging der Blick nach unten.

Aber Neuseeland ist ein Land des Extremsports. Man kann dort sehr viele Extremsportarten ausprobieren. Damit war mein persönliches Ziel in Neuseeland Bungy Jumpen. Trotz Höhenangst und der Angst, mich fallen zu lassen, wollte ich dies ausprobieren. Dieser Artikel beschreibt mein Bungy-Erlebnis.

 The fears we don’t face become our limits

Robin Sharma

An einem Freitag bin ich zusammen mit ein paar Freundinnen nach Taupo gefahren, um dort ein schönes Wochenende zu verbringen und natürlich stand Bungy Jumping auf dem Programm. Damals war das Internet noch nicht so verbreitet wie heute und wir hatten auch noch keine Handytarife mit Internet. Also sind wir in die Touristeninformation und haben uns Tipps zu Taupo und der Umgebung geben lassen. Auch haben wir dort ein spezielles Angebot fürs Bungy Jumping entdeckt. Somit haben wir dort am späten Nachmittag unser Ticket für den nächsten Tag gekauft. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte, war dies nicht unbedingt die beste Idee.

Denn mit dem Kauf des Tickets wurde es ernst. Es ging nicht mehr um „ich springe vielleicht, mal schauen“ sondern „ich springe, weil das Ticket kann man nicht zurück geben“. Und damit gingen die Gedanken los. Schaffe ich es zu Springen? Kann ich die Angst überwinden? Wie verrückt ist es eigentlich, von einer Plattform zu springen? Wie wird es sein, auf der Plattform zu stehen? Der Sprung beschäftigte mich immer mehr. Ich weiß von einer Mitreisenden, dass ich nachts so unruhig geschlafen habe, dass ich sie vom schlafen abgehalten hatte.

Der Tag des Sprunges

Und dann war er da, der nächste Morgen. Der 31. August 2008. Der Tag, an dem ich springen sollte. Der Tag, an dem ich mich meiner größten Angst stellen wollte.

Nach einem Frühstück, bei dem ich kaum etwas gegessen hatte, ging es los zu Taupo Bungy. Eine Stelle, am Rande der Stadt direkt am Waikato River. Wunderschön gelegen mit einer einmaligen Wasserfarbe. Meiner Meinung nach die schönste Stelle in Neuseeland, an der man Bungy Jumping machen kann, und ich hab viele andere Sprungstellen besichtigt.

Vor Ort werden verschiedene Vorbereitungen getroffen. Man kann auch noch wählen, ob man Fotos und/oder ein Video vom Sprung möchte. Ebenso darf man, wie bei anderen Extremsportarten, noch unterschreiben, dass man den Sprung auf eigenem Risiko antritt. In Taupo kann man zusätzlich wählen, ob man ins Wasser eintauchen möchte oder nicht? Ob man vorwärts oder rückwärts springen möchte? Es stehen diverse Optionen zur Verfügung.

Nach all den Vorbereitungen ging es dann auf die Plattform. Meine Freundin war zuerst dran. Sie bekam eine kurze Einweisung und ihr wurde das Seil um die Füße befestigt. Dann ging es zur Absprungkante und weg war sie. In all der Zeit stand ich ebenfalls auf der Plattform. Schon allein das Warten auf dieser Plattform, knapp 20 Meter von der sicheren Erde entfernt, war eine Herausforderung für sich. Aber ich wollte springen und damit hatte ich keine Wahl.

Nach meiner Freundin war ich dran. Seit dem Kauf des Tickets ist mehr als ein halber Tag vergangen. Genug, um sich immer mehr in die Angst und die eigenen Gedanken hinein zu steigern. Somit war mir wenig zu spaßen übrig, als ich auf der Sitzbank saß und mir der Jumpmaster die Einweisung gab und nebenher das Seil an meinen Knöcheln befestigte. Ich war mir der Sache nicht mehr so sicher. Irgendwie war zu diesem Zeitpunkt bereits die Angst größer, als der Wille zu springen.

Und dennoch bin ich vor zur Absprungkante. Schritt für Schritt für Schritt. Kleine Schritte, da die Sicherung an den Knöcheln nur wenig Spielraum zu lies. Und dann war sie da. Die Absprungkante. 47 Meter in die Tiefe und kein Geländer oder sonst etwas, das dazwischen ist. An der Absprungkante wurde noch schnell ein Foto vorm Sprung gemacht (denn natürlich nimmt man die Fotos und das Video mit, wenn man sowas schon einmal macht).

Plattform bei Taupo Bungy
Plattform bei Taupo Bungy

Und dann ging es noch ein Stückchen vor. Die Zehen ragen über die Absprungkante hinaus. Der Jumpmaster steht hinter einem. Man hebt die Hände hoch und der Jumpmaster beginnt zu zählen „Three, two, one, Bungy“ und ich blieb stehen. In diesem Moment stand ich dort und habe meiner Angst direkt in die Augen gesehen. Alles um mich herum habe ich ausgeblendet. Es gab nur noch mich und die Angst. Panik stieg in mir hoch und gleichzeitig war ich wie erstarrt. Ich kann das Gefühl auch heute nicht in Worte fassen, aber es war einer der prägensten Momente meines Lebens. Ich habe gelernt, was es bedeutet, an die eigenen Grenzen zu stoßen. Und ich konnte sie nicht überwinden.

Für mich ging es nach ein paar weiteren Versuchen mit herunterzählen, Zurufe von den Freunden und Motivationsansprachen vom Jumpmaster zurück über die Plattform zu sicheren Boden. Auf dem Weg zurück kam eine innere Leere in mir hoch. Sicherer Boden unter den Füßen zu bekommen, war das einzige Bedürfnis, dass ich in diesem Moment noch hatte. Ich ging zurück zu meinen Freunden, immer noch leer, aber dennoch in Sicherheit.

Der Weg zurück

Das Erste, was ich bewusst wieder wahr nahm, war eine Frau, die auf mich zeigte und meinte „That’s the girl who didn’t jumped.“ Und in diesem Moment begriff ich, dass ich gescheitert bin. Das ich an meinen eigenen Grenzen gescheitert bin. Das ich nicht meine Ängste überwinden kann. Ja, dass ich versagt habe.

Das oben genannte Zitat von Robin Sharma passt zu meinem Erlebnis perfekt. Wir müssen unsere Ängste ernst nehmen. Ihnen in die Augen schauen, um sie zu verstehen und um ihre Limitationen vielleicht doch irgendwann zu durchbrechen. Angst ist ein natürlicher Schutz zum Überleben. Durch die Angst nehmen wir Situationen bewusster war. Durch sie können wir entscheiden, ob wir kämpfen oder flüchten wollen. Und gleichzeitig ist Angst vor allem eins – Kopfsache. Je nach Ausprägung der Angst, kann es zu einer Angststörung oder Phobie kommen. Im Fall des Bungy Jumpings ist die Angst objektiv nicht berechtigt gewesen. Neben dem Bungyseil gibt ein Seil aus Draht zusätzliche Sicherheit. Der Sprung wäre für mich lebensgefährlich gewesen und dennoch hat die Angst im Kopf die Überhand gewonnen und ich bin aus der Situation geflüchtet.

Der 31. August 2008 ist der Tag, an dem ich gelernt habe, was es bedeutet, seinen Ängsten in die Augen zu schauen. Der Tag, an dem ich gelernt habe, was es heißt, bis an die Grenzen zu gehen. Was es bedeutet, an den eigenen Ansprüchen zu versagen. Ich habe meine ganz persönliche Grenzen kennengelernt. Vermutlich eine Erfahrung, die nicht jeder in seinem Leben gemacht hat.

Hast du schon einmal eine solche Grenzerfahrung gehabt? Wie hast du diese überwunden? Hast du deine gelernt zu fliegen?

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.